Das MiR eröffnet die „Schule der Sensibilität“
Mit einer ungewöhnlichen Produktion startet der neue Intendant Frank Hilbrich seine erste Spielzeit. „BLAU“ vom Musiktheaterkollektiv Kommando Himmelfahrt ist zugleich eine Hommage an das Musiktheater im Revier und seine besondere Geschichte.
Das gesamte Haus wird zum Spiel- und Erlebnisraum – und zugleich zum eigentlichen Hauptdarsteller.
Vor fast 70 Jahren konnte der Architekt Werner Ruhnau den damals noch unbekannten Künstler Yves Klein für die Gestaltung des neuen Musiktheaters gewinnen. Bis heute zeugen die monumentalen blauen Reliefs im Foyer von dieser außergewöhnlichen Zusammenarbeit. Gemeinsam entwickelten die beiden nicht nur Ideen für den außergewöhnlichen Bau, sondern auch Visionen für Kunst und Gesellschaft. Eine davon war die „Schule der Sensibilität“, die allerdings nie verwirklicht wurde.
Kommando Himmelfahrt greift diese Utopie nun auf und lässt sie für einen Abend Wirklichkeit werden. Das Publikum wird in vier Gruppen aufgeteilt und durch das gesamte Haus geführt. An unterschiedlichen Stationen begegnen ihm Musik, Gesang, Bewegung und manchmal – wie im „Theater der Leere“ – auch einfach nur Stille. Eine eigens komponierte Musik zieht sich dabei wie ein Klangteppich durch das Gebäude und bricht bewusst mit gewohnten Hör- und Sehgewohnheiten. Die Komposition von Jan Dvorák, die sich an Yves Kleins „Symphonie monochrome“ orientiert, zieht sich wie ein Klangstrom durch das gesamte Gebäude.
Jede Station soll die Sinne schärfen und die Wahrnehmung verändern. Mal steht die Musik im Mittelpunkt, mal die Architektur, mal die eigene Vorstellungskraft. Besonders reizvoll ist es, das MiR dabei aus ungewohnten Perspektiven zu erleben. Am Ende treffen alle Gruppen im Großen Haus wieder zusammen. Bei einer gemeinsamen Abschlussaktion dürfen ausgewählte „Schülerinnen und Schüler“ ihrer Fantasie auf einer Leinwand freien Lauf lassen – ganz im Sinne von Klein, bei dem Farbe und Wahrnehmung immer wieder über das konkrete Kunstwerk hinauswiesen. Zum „Ball bleu“ im Foyer klingt der Abend schließlich bei blauen Getränken und Gesprächen aus.
Allerdings erschließt sich nicht jede Station unmittelbar. Durch die Gruppengröße entstehen immer wieder Wartezeiten, die den Spannungsbogen unterbrechen. Auch die akustischen Überschneidungen sind nicht immer glücklich. Wenn beispielsweise während einer Meditation gleichzeitig die Musik einer anderen Gruppe zu hören ist, fällt es schwer, sich ganz auf den Moment einzulassen. Die Begegnungen zwischen den Gruppen können zwar reizvoll sein, wirken an anderen Stellen aber eher zufällig.
„BLAU“ ist ein mutiges und ungewöhnliches Theaterexperiment – und eine liebevolle Verbeugung vor der Geschichte des MiR. Nicht alles geht dabei auf, doch wer bereit ist, sich auf ungewohnte Formen einzulassen, kann das Musiktheater im Revier tatsächlich einmal mit anderen Augen und Ohren entdecken.
Noch Aufführungen am 26.9. (16.00/19.00 Uhr), 27.9. (11.00 Uhr) und 3.10. (17.00 Uhr)
Sigrid Riemer